Mutterfiguren in der Bibel

Frauen geraten immer wieder in Bezug auf ihren Kinderwunsch und die konkrete Gestaltung ihrer Mutterschaft in kontroverse Diskussionen. Oft wird ihnen vorgeworfen, sie seien zu alt, sie hätten zu viele oder zu wenige Kinder; sie seien zu egoistisch, weil sie auf die Bedürfnisse ihrer Kinder aufgrund ihrer Berufstätigkeit nicht ausreichend achten würden; zu bequem, weil sie nicht durch eine rasche Rückkehr in die Erwerbstätigkeit selbst für ihren Unterhalt sorgen würden.
Welches Mutterbild begegnet uns in der Bibel und können wir heute Orientierungspunkte daraus erkennen? Die Bibel zeichnet kein einheitliches Bild der Mutter. Einige Beispiele von äußerst unterschiedlichen Müttern in der Bibel geben Einblick in die Vielfalt gelebter Mutterschaft.
Sara, die Spätgebärende (Gen 16-18 und 20-23)
Sara und ihr Mann Abraham sind schon sehr alt und kinderlos. Als Sara bereits 90 Jahre alt ist, besuchen drei Männer unangekündigt das Ehepaar. Durch die Zeltwand hört Sara, wie Gott durch die drei Männer ihr die Geburt eines Sohnes verheißt. Sara lacht darüber und denkt sich: "Nun, da ich alt bin, soll ich noch Liebeslust erfahren, und auch mein Herr ist alt!". Vielleicht mit Bezug darauf nennt sie ihren tatsächlich geborenen Sohn Isaak, "der Lachende". Für Sara ist die späte Mutterschaft wie für viele andere Mütter heutzutage auch wohl ein besonderes Wunder und Geschenk Gottes: "Wer, sagte sie, hätte Abraham zu sagen gewagt, Sara werde noch Kinder stillen? Und nun habe ich ihm noch in seinem Alter einen Sohn geboren." (Gen 21.7)
Hagar, die Alleinerzieherin (Gen 16-21)
Die Magd Hagar bringt Abraham, da seine Frau Sara kein Kind gebiert. einen Sohn zur Welt. Nachdem Sara in hohem Alter selbst Mutter wurde, wird Hagar mit ihrem Sohn von Abraham in die Wüste geschickt. Schutz- und hilflos irrt sie mit ihrem Sohn umher, übernimmt die Verantwortung für ihn und wird schließlich von Gott gerettet. Hagars Suche nach Wasser in der Wüste wird übrigens von den Muslimen beim Haddsch, der Wallfahrt nach Mekka, symbolisch nachvollzogen.
Debora, die Berufstätige (Ri 4-5)
Als Prophetin, Richterin und Heerführerin macht Debora als „Mutter Israels“ Karriere. Sie spricht Recht und hilft dem Volk aus Not und Bedrängnis. Als Frauengestalt nimmt Debora eine wichtige politische Funktion wahr, die für die palästinische Antike ungewöhnlich ist. Der Schwerpunkt ihres Wirkens besteht zwar in der Rechtsprechung, sie soll jedoch auch über die Gabe der Prophetie verfügt haben. Debora wird als Mutter, die Rückhalt, Schutz und Sicherheit gibt und Mut zuspricht, beschrieben.
In patriachal geprägten Zeiten nahm Debora eine herausragende Stellung ein. Als Mutter kann sie in diesen männlich dominierten Strukturen als mächtigste Frau gesehen werden. Aufgrund des biblischen Narrativs kann davon ausgegangen werden, dass es durchaus Frauen gab, die wie Debora mutig und stolz handelten und damit den Rahmen der ihr zugestandenen Rolle überschritten.
Es lassen sich noch zahlreiche weitere Beispiele biblischer Mütter mit unterschiedlichen Eigenschaften und Aufgaben aufzählen, allen voran Eva, die "Urmutter", und Maria, die Mutter Jesu, die die Hinrichtung Ihres Sohnes mitansehen muss.
Zusammenfassend lässt sich wohl feststellen, dass die Bibel Mütter in allen möglichen hoffnungsvollen, aber auch existenziell bedrohten Situationen schildert. Im Blick auf Maria, der Mutter Jesu, erahnen wir, dass das Vertrauen auf Gottes Mitgehen trägt und stärkt, selbstbewusst Entscheidungen zu treffen und das Leben bewusst zu gestalten.
Inge Lang / Red.